Unpassende Wahl von Bewegungen

Hintergrund

Durch den Rückgang der Informationsverfügbarkeit entstehen in der Folgestufe des inneren Modells diverse Probleme.

 

DE_Erweiterter_Regelkreis_mit_innerem_Modell_03

 

Wenn die Zeit zum Wechseln des Aufmerksamkeitspunktes zu gering war, fehlen bereits Informationen. Es fehlen weiterhin Informationen, wenn die Kompensation durch Mustererkennung diese Lücken nicht schließen kann. Bei einer Fehkompensation werden sogar noch falsche Informationen hinzugefügt. Durch die Interpretation können je nach Art der Verknüpfung mit anderen bekannten Dingen auch wieder fehlende Information kompensiert werden. Im umgekehrten Fall kommen durch Fehlschlüsse wieder falsche Informationen hinzu. Die Bandbreite der Abweichung spannt sich also zwischen einer recht guten Übereinstimmung der Einschätzung der aktuellen Situation bis zu einer starken Fehleinschätzung.

Je höher die Geschwindigkeiten der Abläufe werden, desto höher ist das Risiko, dass Kompensationsabläufe versuchen die fehlenden Informationen wieder zu ergänzen. Damit steigt tendenziell das Risiko zu Fehleinschätzungen. In der Kompensation liegt aber auch die Chance, trotz hoher Geschwindigkeit die Situation richtig einzuschätzen, wie beim Ansatz der Antizipation. Bei langjährigem Training können diese Fehleinschätzungen in Grenzen immer weiter minimiert werden, indem im Training gezielt nach passenden Mustern gesucht wird. Diese Muster liefern trotz hoher Geschwindigkeit die nötigen kausalen Zusammenhänge, um die Situation gut einzuschätzen.

In dem folgenden Diagramm ist dieser Zusammenhang rein qualitativ aufgetragen. Die Übereinstimmung der Einschätzung der aktuellen Situation sinkt generell bei ansteigender Geschwindigkeit, da die Informationsverfügbarkeit sinkt. Kompensationsmechanismen können daran teilhaben, die Übereinstimmung wieder zu erhöhen, wenn wieder Informationen zur Verfügung gestellt werden. Bei einer Fehlkompensation sinkt die Übereinstimmung aber noch stärker ab, da die Informationen in eine falsche Richtung führen. Die Beispiele der Figuren sind an die Studie der Werfer aus Schmidt und Lee angelehnt.

 

DE_Unpassende_Wahl_von_Bewegungen_01

 

DE_Unpassende_Wahl_von_Bewegungen_02

 

Szenariendiskussion und Wahl des Sollwerts

In der Szenariendiskussion wird versucht auf Grund der aktuellen Situation eine Diskussion über die möglichen zukünftigen Abläufe durchzuführen. Es ist eine „Was-wäre-wenn?“-Diskussion, bei der Bewegungsansätze mit der aktuellen Situation gegengeprüft werden. Wenn eine passende Bewegung gefunden wurde, wird diese als Sollwert weitergegeben. Die Weitergabe triggert den Regelkreis, um die Bewegung auszuführen. Bei einer zu starken Abweichung der eigenen Wahrnehmung von den realen Abläufen wird diese Diskussion ins „Leere laufen“. Das bedeutet, dass mitunter völlig falsche Ansätze betrachtet werden.

Bei bestimmten Bewegungsansätzen wird die Szenariendiskussion übersprungen und direkt beim Vorkommen einer speziellen Situation eine festgelegte Bewegung als Sollwert gewählt. Mustern werden also eins-zu-eins Bewegungen zugeordnet (grob formuliert bei Automatismen und Reflexen). Darin liegt zwar die Chance Zeit zu sparen, allerdings hängen diese Bewegungen noch stärker von einer richtigen Einschätzung der Situation ab. Es müssen sowohl das erkannte Muster mit eventueller Kompensation, als auch die zugeordnete Bewegung passend zugeordnet werden (heuristischer Ansatz). Die Bandbreite spannt sich an dieser Stelle also wieder zwischen zwei Polen auf. Auf der einen Seite steht die Kombination aus einem wahrgenommenes Muster, welches die realen Abläufe beschriebt und ein dazu passende Bewegung. Auf der anderen Seite steht die Kombination eines wahrgenommenen Musters, welches die realen Abläufe verzerrt und zu einer unpassenden Bewegung führt.

 

DE_Unpassende_Wahl_von_Bewegungen_03

 

An dieser Stelle ergibt sich das Problem, dass eine unpassende Bewegungswahl durch die Kompensation nicht unbedingt direkt auffällt. Wenn die Konsequenzen für die unpassende Wahl gering sind, werden die Ursachen auch nicht weiter verfolgt, da kein Druck zur Anpassung besteht1Ein Beispiel für eine strikte Verfolgung von unpassenden Spielzügen und einem hohen Druck zur Anpassung findet sich im 8-Ball (Poolbillard). In dieser Disziplin muss angesagt werden, in welche Tasche eine Kugel gespielt wird. Eine Fehlauswahl von Bewegungen fällt hier direkt auf und kann aber nicht mehr angepasst werden.. Wie stark sich der Effekt der unpassenden Wahl auswirkt, hängt auch vom restlichen Zustand des Regelkreises ab. Es gibt in der Kette des Regelkreises noch weitere Kompensationsmechanismen, welche unpassende Bewegungen ausgleichen können (aggressive Reglereinstellungen, kontextsensitive Bewegungen, …). Häufig wird einzig und allein ein oberflächliches Gelingen der Bewegung als Kriterium für Erfolg oder Misserfolg gewertet2Andere Mechanismen sind zum Beispiel Substitutionsvorgänge, siehe Kahnemann. Dabei wird zur Beurteilung einer Situation nicht der eigentliche Ablauf beurteilt, sondern ein Austausch vorgenommen. Ausgetauscht werden kann der ganze Ablauf oder nur Teilaspekte. Der Austausch wird dabei nicht wahrgenommen. Ein typisches Beispiel ist die Substitution der Bewertung einer Bewegung nach deren Grad der Dynamik oder der Artistik (hocher Grad ≙ Bewegung gut). Dabei kann die Bewertung einer Bewegung nicht an diesen Attributen festgemacht werden.. Auf dieser Art und Weise können aber auch sehr schlecht gewählte Bewegungen in Abhängigkeit der Umgebung lange als unscheinbar und völlig in Ordnung erscheinen.

Insgesamt ergibt sich das Dilemma, dass bei anhaltenden hohen Geschwindigkeiten die Möglichkeit fehlt, die ausgeführten Bewegungen zu analysieren. Wer nimmt sich schon die Zeit, nach jeder Bewegung kurz darüber nachzudenken, was genau jetzt stattgefunden hat und ob die Abläufe wirklich ideal waren? Diese Möglichkeit besteht häufig nur im Training, allerdings auch nur, wenn dies explizit gefördert wird3Dies ist meiner Erfahrung nach selten der Fall. Die typische heutige Strukturierung von Trainingseinheiten sieht sehr selten die Möglichkeit für derartige Reflektionen vor. Am ehesten wird man im Profibereich auf solche Ansätze stoßen.. Gerade aber diese geschützte Umgebung bietet die Möglichkeit, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen und sollte deswegen genutzt werden.

 

Bestimmung und Erscheinungsbild

Zur Bestimmung von unpassend ausgewählten Bewegungen werden Belastungstests eingesetzt. Dazu wird bei einer ausgesuchten Bewegung die Geschwindigkeit immer weiter erhöht. In Folgeschritten werden Varianten hinzugefügt, um den Effekt der parallel ablaufenden Varianten auszunutzen. Wenn die Varianten trotz hoher Geschwindigkeit sauber mit passenden Bewegungen gelöst werden, kann man davon ausgehen, dass der Regelkreis noch nicht völlig überlastet ist. Diese Einschätzung gilt aber nur für sehr einfach strukturierte Bewegungen. Es müssen zusätzlich auch andere Möglichkeiten, wie bspw. kontextsensitive Elemente und deren Einflüsse, betrachtet werden. Weiterhin können bereits Kompensationsmechanismen wirken. Eine unpassend ausgewählten Bewegung ist also mehr als ein Indikator auf eine Überlastung zu sehen, nicht als direkter Beweis. Wollte man diese Effekte sauber trennen und die Zustände der Elemente im Regelkreis genau bestimmen, müssten die Belastungstests sehr speziell konstruiert werden. Im Normalfall genügt es aber direkt mit dem passenden Hintergrundwissen die Stellschrauben im Regelkreis anzupassen.

Fußnoten   [ + ]

1. Ein Beispiel für eine strikte Verfolgung von unpassenden Spielzügen und einem hohen Druck zur Anpassung findet sich im 8-Ball (Poolbillard). In dieser Disziplin muss angesagt werden, in welche Tasche eine Kugel gespielt wird. Eine Fehlauswahl von Bewegungen fällt hier direkt auf und kann aber nicht mehr angepasst werden.
2. Andere Mechanismen sind zum Beispiel Substitutionsvorgänge, siehe Kahnemann. Dabei wird zur Beurteilung einer Situation nicht der eigentliche Ablauf beurteilt, sondern ein Austausch vorgenommen. Ausgetauscht werden kann der ganze Ablauf oder nur Teilaspekte. Der Austausch wird dabei nicht wahrgenommen. Ein typisches Beispiel ist die Substitution der Bewertung einer Bewegung nach deren Grad der Dynamik oder der Artistik (hocher Grad ≙ Bewegung gut). Dabei kann die Bewertung einer Bewegung nicht an diesen Attributen festgemacht werden.
3. Dies ist meiner Erfahrung nach selten der Fall. Die typische heutige Strukturierung von Trainingseinheiten sieht sehr selten die Möglichkeit für derartige Reflektionen vor. Am ehesten wird man im Profibereich auf solche Ansätze stoßen.

Der Artikel wurde am 9. März 2015 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.