Vergleich Training und Einsatzfall

Hintergrund

Die Methode zum systematischen Vergleich des Trainingsfalls und des Einsatzfalls dient dazu, Abweichungen zwischen den beiden Fällen herauszuarbeiten. Jeder Unterschied zwischen der Trainingsumgebung und dem späteren Einsatzfall kann dazu führen, dass die Bewegung in letztem Fall nicht mehr die gleiche Leistungsfähigkeit erreicht. Sobald die Konsequenzen für Fehlhandeln ansteigen, kann einer Auseinandersetzung mit diesen Abweichungen nicht mehr aus dem Weg gegangen werden.

Vor allem in Grenzsituationen sind Bewegungen stark auf einer heuristischen Basis konstruiert. Das bedeutet, dass im Einsatzfall weniger die (kritische) Situation wahrgenommen wird, sondern nur wenige verfügbare Informationen mit vorher im Training durchgegangenen Regeln verknüpft werden. Die Zeit genügt einfach nicht mehr für eine vollständige Analyse der schnellen Abläufe (siehe Überlastung). Diese Kombination, Regel und Umgebung, muss zusammenpassen (siehe Scherenmodell). Abweichungen zwischen Trainingsumgebung und Einsatzfall lassen dieses fein austarierte Gleichgewicht zwischen Regel und Umgebung zusammenbrechen. Die Bewegung schlägt fehl; mit allen Konsequenzen.

 

Das Dilemma der Annäherung

Nicht jeder Einsatzfall lässt sich in einer Trainingsumgebung abbilden. Wenn innerhalb der späteren Anwendung starke Verletzungen entstehen können, bis zum Tod, wäre ein wiederholtes Training dieser Abläufe unverantwortlich. Bewegungen müssen zuerst trainiert werden, bevor sie angewendet werden können. Dazu sind Trainingsumgebungen ideal, welche Schüler schrittweise an die Anforderungen des Einsatzfalles heranführen. Innerhalb dieser Umgebung gilt das Schutzbedürfnis höher als „realistisches“ Üben.

Es gilt also einen Ausgleich zwischen diesen entgegengesetzten Anforderungen zu finden. Auf der einen Seite befindet sich die Notwendigkeit einer Deckung von Training und Einsatzfall, um die heuristische Forderung zu erfüllen. Andererseits gilt es die eigentliche Idee einer Trainingsumgebung zu unterstützen. Das bedeutet eine geschützte Umgebung zu bieten, um gegen die schlimmsten drohenden Konsequenzen abgesichert zu sein. Nicht das zwanghafte Abdecken des jeweils einen Extrems darf im Mittelpunkt stehen, sondern der Versuch, eine Balance zwischen den beiden zu finden.

Versuch des Ausgleichs

Dieser Ausgleich lässt sich durch verschiedene Ansätze realisieren. Der meist verwendete basiert auf einem vorsichtigen Austausch der als relevant gefundenen Komponenten. Dabei werden Holzwaffen statt metallischer Schwerter verwendet, bei starken Schlägen wird vorher gestoppt, usw.

Allerdings sollte hier bereits auffallen, dass der Einsatzfall jeweils anders aussieht. Metallische Waffen haben ein höheres Gewicht, sind schwerer zu handhaben, lassen Trainierende damit schneller ermüden, erzeugen beim Auftreffen andere Gegenkräfte im Körper. Gestoppte Schläge vermitteln nicht den Ablauf des Treffens mit all seinen Komponenten des Kraftaustauschs. So lassen sich trotz des berechtigten Austauschs Unterscheide finden, welche im späteren Einsatzfall Probleme bereits können.

An vielen Stellen können sich Denkweisen eingeschliffen haben, welche eine weitere Annäherung verhindern. Manche dieser Unterschiede können weiter verringert werden, andere müssen bestehen bleiben. Die folgende Methode dient dazu, diesen Auswahlprozess zu unterstützen. Es geht an vielen Stellen um mehr, als um den Austausch von Waffen. Es können so subtile Unterschiede wie andere Zielanforderungen oder andere Geschwindigkeitsbereiche sein, welche bereits später zu Problemen führen. Wer zum Beispiel im Training immer erst auf Angriffe wartet um diese abzuwehren, kann im späteren Einsatzfall Probleme bekommen. Sobald Geschwindigkeiten ansteigen, kann es zu Überlastungen kommen, welche diese Verknüpfung „Ich nehme wahr und wehre ab“ nicht mehr zulassen.

 

Durchführung

Die Durchführung selbst besteht aus wenigen Schritten. Es sind allerdings weniger die einzelnen Schritte, welche schwierig sind. Es sind oftmals mehr die detaillierten Ausarbeitungen, welche die Schritte begleiten.

 

  • Bestimmung des Einsatzfalls
    • Beschreibung des allgemeinen Kontext, der Ziele, der Umgebung für die Kontrahenten, Zustand der Regelkreise für Bewegungen, …
  • Bestimmung des Trainingsfalls
    • Beschreibung des allgemeinen Kontext, der Ziele, der Umgebung für die Kontrahenten, Zustand der Regelkreise für Bewegungen, …
  • Vergleich beider Fälle
    • Bestimmung relevanter Abweichungen
    • Nicht-relevante Abweichungen werden nicht weiter betrachtet
  • Versuch die Abweichungen zu reduzieren

 

Geeignete Maßnahmen sind bspw. Austausch von Trainingsmitteln, Belastungstests an den Grenzen des Einsatzfalls, usw. Aber auch die Infragestellung der betrachteten Bewegung muss dazugehören. Bewegungen, welche sich in Einsatzfällen nicht bewähren, müssen vielleicht verändert oder aussortiert werden.  Nicht jede Bewegung kann durch Wiederholen auf ein Trainingsniveau gehoben werden, welches den Anforderungen des Einsatzfalls genügt.

Beispiel

Das folgende Beispiel ist konstruiert, vereinfacht und stark gekürzt. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass dieser Fall nicht unüblich ist.

Bestimmung des Einsatzfalles

Gegner greift mit hoher Geschwindigkeit und Kraft an.

Bestimmung des Trainingsfalls

Training mit mittlerer Geschwindigkeit, um Bewegungslernen zu unterstützen. Hoher Krafteinsatz des Einsatzfalles nicht mit im Training übernommen. Das Verletzungsrisiko wurde als zu hoch eingeschätzt.

Vergleich beider Fälle

Die Abweichungen sind sehr hoch. Die guten Absichten zum Schutz der Schüler werden im späteren Einsatzfall zu Problemen führen. Es besteht die Chance, dass der Gegner im Einsatzfall den Verteidiger deklassiert. Die Überlastung führt zu einem Fehlschlagen der Verteidigung.

Versuch die Abweichungen zu reduzieren

Die hohen Kräfte werden mit hinzugenommen, aber nur bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten trainiert. Damit sollten Schüler ausreichend Kontrolle über die Kräfte haben. Nach einer Eingewöhnungsphase mit leichten Geschwindigkeitssteigerungen wird überprüft, ob die hohen Kräfte weiter Teil der Übung bleiben können. Wenn ja, wird im Verlauf der Übung versucht die Kombination hohe Kräfte und hohe Geschwindigkeit zu halten. Wenn nein, wird mittels Gedankenexperimenten und niedrigen Geschwindigkeiten die Konsequenz hoher Kräfte simuliert. Je nach den Ergebnissen wird die Bewegung angepasst. Beim Auftreten von Deklassierungen werden die entstehenden Varianten mit in die Bewegungsplanung einbezogen.

Der Artikel wurde am 6. Juni 2015 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.