Vergleich unterscheidender Merkmale

Hintergrund

Die eigene Handlungsplanung verlangt ein ausreichendes Wissen über den Gegner. Seine Handlungen können in Grenzen wahrgenommen oder antizipiert werden. Dabei liefern seine Bewegungen an Hand von spezifischen Merkmalen Hinweise über seine zukünftigen Planungen. Diese Merkmale können im Training systematisch gesucht werden (siehe Methode Zuordnung unterscheidender Merkmale).

Bestimmte Merkmale liefern mehr Informationen oder sind einfacher wahrnehmbar. Diese Eigenschaften der Merkmale können unterschieden werden und erlauben eine Einordnung. Für jedes Merkmal und seine Eigenschaften lässt sich eine Einschätzung vornehmen. Je nachdem können Merkmale sicher für die Bewegungsplanung verwendet werden oder ein Einsatz ist aus verschiedenen Gründen unsicher. In diesem Fall ist die darauf aufbauende Bewegungsplanung in Gefahr. Ein Schema zur Einordnung wird später bei der Durchführung vorgestellt.

 

Beispiel

Das folgende Beispiel stellt eine typische Überlegung dar. Die Einschätzung und Bewertung ist stark gekürzt. Die Schlussfolgerungen ergeben sich nicht mit Hilfe dieser Methode. Sie sind aber auf deren Ergebnisse angewiesen und deuten die hohe Relevanz dieser Methode an1Die Hintergründe der Überlegungen können hier nicht detailliert dargestellt werden und erfordern weitere nicht näher benannte Methoden. Die angesprochenen Punkte ergeben sich aus Belastungstests und dem Wissen um Überlastungserscheinungen im Regelkreis. Die Konstruktion einer Bewegung erfordert eine Grundstruktur, in diesem Fall eine Reaktion. Darauf folgend ergeben sich weitere Gedankengänge, welche zu der endgültigen Schlussfolgerung führt.

Beispielangriff

Es soll der Angriff eines Gegners abgewehrt werden. Der Gegner greift dabei mit einem Arm in Form eines Schlages an. Er unterdrückt dabei weitere Körperbewegungen. Die Abwehr wird als Reaktion aufgebaut. Das bedeutet, der gegnerische Arm wird wahrgenommen, die Abwehr ausgewählt und gestartet.

Einschätzung einer möglichen Überlastung

Der Gegner kann seinen Arm isoliert vom restlichen Körper sehr schnell bewegen. Es besteht bei ansteigender Geschwindigkeit2Mit ansteigender Geschwindigkeit ist der Ansatz eines Belastungstests gemeint. Wird der Arm langsam bewegt, gelingt die Wahrnehmung. Mit ansteigender Geschwindigkeit in der Durchführung steigt die Gefahr der Überlastung des Regelkreises. des Merkmals „Arm“ eine hohe Gefahr der Überlastung. Die Wahrnehmung kann den Angriff nur noch schwer gegenüber anderen potentiellen Angriffen differenzieren3Das obige Beispiel konzentriert sich zwar auf ein Szenario, allerdings müssen weitere parallele Abläufe durch potentielle Überlastungserscheinungen mit betrachtet werden. Bei einer isolierten Betrachtung besteht die Gefahr einer Überoptimierung der Bewegung.. Das Merkmal des Angriffs kann für eine Reaktion nur unzureichend genutzt werden. Es muss geklärt werden, wie die Wahrnehmung abgesichert werden kann.

Einschätzung des Informationsgehalts

Das Merkmal „Arm“ bietet nur scheinbar ausreichend Informationen. Die Konzentration auf den Arm lässt weitere Informationsquellen unberücksichtigt. Dadurch gehen an anderer Stelle viele Informationen verloren4Werden diese Szenarien mit einbezogen, kann das isolierte Merkmal „Arm“ nicht ausreichend Informationen liefern. Die Szenarien sind dadurch „nicht unterscheidbar“ und laufen parallel gleichzeitig ab..

Gesamteinschätzung und Schlussfolgerung

Die Konstruktion der Bewegung als Reaktion basierend auf dem Merkmal des Arms ist ungenügend. Die Reaktion wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der Betrachtung von Szenarien mit Überlastungsfällen nicht umgehen können. Die Gefahr einer Fehlauswahl der Abwehrbewegung ist sehr hoch. Die Fintenanfälligkeit ist sehr hoch.

Kriterien zur Einschätzung

Als Einschätzung von Merkmalen bieten sich zwei Perspektiven aus dem Regelkreis an. Die erste Perspektive konzentriert sich darauf, ob grundlegend Informationen verfügbar sein können. Der Regelkreis der Wahrnehmung kann überlastet werden. Dann sind bereits im ersten Schritt die unterscheidenden Merkmale nicht verfügbar. Dabei stellt sich die Frage: Kann ich das Merkmal wahrnehmen? Wer über ausreichend Erfahrung verfügt, kann an dieser Stelle bereits eine Entscheidung treffen. Andernfalls können Belastungstests diese Fragen klären.

In der zweiten Perspektive wird versucht zu bestimmen, welche Informationen aus den vorhandenen Merkmalen gewonnen werden kann. Nicht jedes Merkmal liefert ausreichend Informationen um daraufhin Handlungen abzuleiten. Weitere Fragen können die Doppeldeutigkeit von Merkmalen betreffen, also: Kann dieses Merkmal noch andere Bedeutung haben? Können andere Abläufe entstehen? Kann das Merkmal vom Gegner gefälscht werden?

 

Durchführung

Auswahl des Merkmals

Im ersten Schritt wird aus den vorhanden Merkmalen der gegnerischen Bewegung ein Merkmal zum Vergleich ausgewählt. Die Auswahl kann durch eine Methode zur Bestimmung der unterscheidenden Merkmale unterstützt werden.

Einschätzung der Verfügbarkeit

Im nächsten Schritt wird versucht abzuschätzen, ob das Merkmal im Fall einer Überlastung noch ausreichend wahrgenommen werden kann. Diese Einschätzung kann auf Erfahrungen beruhen oder mittels Belastungstest bestimmt werden. Bei der Durchführung der Belastungstests darf nicht nur isoliert auf ein einzelnes Merkmal geachtet werden. Es müssen Belastungstests mit Varianten von Merkmalen durchgeführt werden. Damit nähert man sich dem späteren Einsatzfall. Die Auswahl muss mit einer Bewegung verknüpft werden. Erst durch die Fehlauswahl einer verknüpften Bewegung lässt sich erkennen, ob die Wahrnehmung ausreicht5Ein einfaches Beispiel ist die Anforderung bei der Wahrnehmung sofort die linke oder rechte Hand leicht anzuheben. Je nach Auftreten der Variante A oder B soll im gleichen Moment je links oder rechts leicht angehoben werden. Das Anheben stellt an den restlichen Regelkreis geringere Anforderungen. Sobald systematisch eine Fehlauswahl stattfindet, ist die Wahrnehmung überlastet.. Die Bewertung der Verfügbarkeit erfolgt an Hand der systematischen Wahrnehmung. Je unsystematischer das Merkmal wahrgenommen werden kann, umso unsicher ist es für eine spätere Handlungsplanung verfügbar. Eine Daumenregel ist: Je geringer die Masse, desto schneller bewegbar, desto eher droht Überlastung.

Einschätzung des Informationsgehalts

In diesem Schritt wird versucht zu bestimmen, ob das Merkmal ausreichend Informationen liefern kann. Merkmale können je nach Wahrnehmungsart unterschiedliche Informationen liefern. Visuelle Wahrnehmungen liefern umfassende Informationen zu Raum und Zeit von Abläufen. Taktile Informationen liefern zwar auch Informationen zu Raum und Zeit, aber eben in bedeutend geringerem Umfang6Taktil ist sehr eindimensional. Mehr Informationen wie berührt/ nicht berührt, etwas links oder rechts sind nicht verfügbar. Mit Hilfe von einfachen Belastungstests mit Varianten kann diese Eindimensionalität herausgearbeitet werden. Ein typischer Fehler ist die Vermischung von taktilen mit propriorezeptiven Informationen. Diese sind wiederum ein Sonderfall und erfordern eine spezielle Interpretation.. Dieser Umfang muss aber auch nicht sehr hoch sein (Sehen muss Fühlen nicht überlegen sein). Der Umfang muss es lediglich erlauben darauf aufbauend eine Bewegung auszuwählen. Doppeldeutige oder fälschbare Merkmale lassen keine saubere Bewegungsauswahl zu.

Die Bewertung des Informationsgehalts erfolgt durch die Abschätzung einer systematischen Bewegungsauswahl. Wenn das Merkmal keine systematische Bewegungsauswahl und Unterscheidung der Szenarien ermöglicht, wird es später zur Fehlauswahl von Bewegungen kommen.

Wiederholung und Vergleich für weitere Merkmale

Der gleiche Vorgang kann für weitere Merkmale erfolgen. Dabei muss keine absolute Feststellung erfolgen („dieses Merkmal ist nicht wahrnehmbar…“). Es genügt die Merkmale in einem Schema relativ gegeneinander einzuordnen („besser“ verfügbar gegenüber „schlechter“ verfügbar).

In dem folgenden Schema werden die Verfügbarkeit und der Informationsgehalt gegeneinander aufgetragen. Ein Merkmal mit geringeren Verfügbarkeit (höhere Gefahr der Überlastung) wird weiter links eingetragen. Beim Vergleich zum Informationsgehalt werden Merkmale mit weniger Informationen an der senkrechten Achse niedriger eingetragen.

 

DE_Vergleich_unterscheidender_Merkmale_01

 

Die Grundaussage des Schemas besteht in einer Wahrscheinlichkeitsaussage. Je näher ein genutztes Merkmal dem Ursprung kommt, umso eher kommt es zu einer falschen Bewegungsplanung. Die schlechte Verfügbarkeit und der geringe Informationsgehalt begünstigen diese Art der Überlastung.

 

DE_Vergleich_unterscheidender_Merkmale_02

 

Folgeschritte

An den Vergleich und der Bewertung schließen sich weitere Überlegungen an. Im Vergleich ergeben sich Merkmale, welche zur Planung einer Bewegung geeigneter sind und bevorzugt verwendet werden sollten.

Wenn zu viele Merkmale durch die Überlastung der Wahrnehmung nicht erkennbar sind, muss die Bewegungskonstruktion anders erfolgen. Eine Reaktion kann dann z.B. gesetzte Ziele nicht in ausreichender Form erfüllen. Wenn die Überlegungen in Sackgassen (immer Überlastung, …) enden, müssen grundlegend andere Bewegungsansätze genutzt werden (Preflexe, Getriebeansätze, …). Merkmale mit einem geringen Informationsgehalt können wiederum durch andere Überlegungen trotzdem genutzt werden (heuristische Ansätze zur Interpretation).

Fußnoten   [ + ]

1. Die Hintergründe der Überlegungen können hier nicht detailliert dargestellt werden und erfordern weitere nicht näher benannte Methoden. Die angesprochenen Punkte ergeben sich aus Belastungstests und dem Wissen um Überlastungserscheinungen im Regelkreis. Die Konstruktion einer Bewegung erfordert eine Grundstruktur, in diesem Fall eine Reaktion. Darauf folgend ergeben sich weitere Gedankengänge, welche zu der endgültigen Schlussfolgerung führt
2. Mit ansteigender Geschwindigkeit ist der Ansatz eines Belastungstests gemeint. Wird der Arm langsam bewegt, gelingt die Wahrnehmung. Mit ansteigender Geschwindigkeit in der Durchführung steigt die Gefahr der Überlastung des Regelkreises.
3. Das obige Beispiel konzentriert sich zwar auf ein Szenario, allerdings müssen weitere parallele Abläufe durch potentielle Überlastungserscheinungen mit betrachtet werden. Bei einer isolierten Betrachtung besteht die Gefahr einer Überoptimierung der Bewegung.
4. Werden diese Szenarien mit einbezogen, kann das isolierte Merkmal „Arm“ nicht ausreichend Informationen liefern. Die Szenarien sind dadurch „nicht unterscheidbar“ und laufen parallel gleichzeitig ab.
5. Ein einfaches Beispiel ist die Anforderung bei der Wahrnehmung sofort die linke oder rechte Hand leicht anzuheben. Je nach Auftreten der Variante A oder B soll im gleichen Moment je links oder rechts leicht angehoben werden. Das Anheben stellt an den restlichen Regelkreis geringere Anforderungen. Sobald systematisch eine Fehlauswahl stattfindet, ist die Wahrnehmung überlastet.
6. Taktil ist sehr eindimensional. Mehr Informationen wie berührt/ nicht berührt, etwas links oder rechts sind nicht verfügbar. Mit Hilfe von einfachen Belastungstests mit Varianten kann diese Eindimensionalität herausgearbeitet werden. Ein typischer Fehler ist die Vermischung von taktilen mit propriorezeptiven Informationen. Diese sind wiederum ein Sonderfall und erfordern eine spezielle Interpretation.

Der Artikel wurde am 9. Februar 2016 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.