Wagenhebereffekt

Hintergrund

Bei M. Tomasello findet sich für die Schaffung von neuen Artefakten in der menschlichen Gesellschaft ein Modell für die Weitergabe und die Modifizierung von Wissen. Als Artefakt wird im Allgemeinen jede Art von gebündelten Wissen in Form von Werkzeugen oder Handlungen bezeichnet. Der Wagenhebereffekt bezieht sich auf die Notwendigkeit der Gesellschaft für jede neue Entwicklung dem „Erfinder“ auch Unterstützung zu geben. Andernfalls verschwindet das neue Wissen wieder.

Das Interessante an den Details in seinem Model sind die Probleme die sich indirekt durch Kommunikation ergeben. Mit Hilfe dieses Modells lassen sich sehr gut die Veränderungen von Kampfkünsten und deren Bewegungen erklären. Vor allem kann man bestimmte Probleme beim Unterrichten damit besser verstehen.

Das vorgestellte Modell soll hier nur als Einstieg dienen. Wer sich wirklich mit diesen Modellen und deren Problematiken beschäftigen will, wird um ein direktes Studium von Tomasello nicht umhinkommen. Es lohnt sich aber.

 

Weiterer Nutzen

  • Einsatz für Didaktik (umfassende Definition von Bewegungen als „Paket“)
  • Entwurf von methodischen Reihen unter Beachtung des Modells
  • „Reverse Engineering“ von Bewegungen über Generationen von Schülern
    • Bruchstellen der Weitergabe finden
    • Sicherstellung einer besseren Weitergabe

 

Einzelne Anteile

Artefakt

Wie eingangs erwähnt sind Artefakte gebündeltes Wissen in Form von Werkzeugen, Handlungen, Intentionen und indirekt Umweltbedingungen. Der Hammer in der Hand eines Unwissenden wird nicht zum Einschlagen eines Nagels genutzt werden. Artefakte verbinden also nicht nur „Dinge“ und deren Aussehen, sondern auch Intentionen und Handlungsanweisungen zu einem Paket. Die Weitergabe von Bewegungen als Artefakt muss im Hinblick auf diese Definition immer in dieser Kombination erfolgen. Andernfalls geht Wissen verloren.

Kulturelles Lernen

Kulturelles Lernen umfasst nach Tomasselo Imitationslernen und aktive Instruktion. Beim Imitationslernen wird nicht nur der eigentliche Gegenstand oder die Bewegung betrachtet, sondern es werden auch die Intentionen und die Umweltbedingungen in die Überlegungen für die Formung des Artefakts mit einbezogen. Aktive Instruktion bedeutet u.a., dass bei der Weitergabe die Aufmerksamkeit auf gewisse Details gelenkt wird, um deren Weitergabe an das Artefakt zu koppeln. Durch diese Art der Weitergabe können Fehlinterpretationen verringert werden. In diesem Modell fehlt noch ein Rückkoppelkreis für die Information, durch bspw. Verbalisierungstechniken, um die Vollständigkeit des Artefakts in der Folgegeneration zu überprüfen.

Das Gegenstück zum Imitationslernen ist das Emulationslernen , einer individuellen Lernform. In dieser Form lernt das Individuum zwar bspw. eine Bewegung oder ein Werkzeug kennen, aber die Intention und die Umgebung des Einsatzes werden nicht weitergeben. Es wird nur das reine Verhalten kopiert. Ein Grund kann in dem Fehlen eines gemeinsamen Hintergrundes liegen. Es ist an dem Individuum selbst, sich diese Dinge zu erarbeiten. Je nach Wissensstand dieses Individuums können bessere oder schlechtere angepasste Artefakte entstehen. Die Randbedingungen können u.a. über das Modell der Strategieausbildung in wechselnden Umgebungen überprüft werden. Diese Art des Lernens ist nicht „schlechter“ als Imitationslernen. Emulationslernen ist dann von Vorteil, wenn sich über Generationen durch mangelnde Anpassung an eine sich ändernde Umgebung das eigentliche Artefakt längst ein „Updates“ benötigt hätte. Im Umkehrschluss können sich Artefakte aber bereits nach wenigen Generationen als völlig nutzlos erweisen, da die ursprünglichen Intentionen verloren gegangen sind. Es gibt innerhalb der Kampfkünste leider viele Beispiele für beide Richtungen der Entwicklung.

 

Modell Wagenhebereffekt

Das Modell an sich bedeutet, dass ein Individuum auf Grund eigener Erfahrungen und Intentionen ein Artefakt bildet (bspw. gewisses Verhalten, mit Hammer einen Nagel einschlagen). Diese Erfahrungen sind an die Umstände und Umweltbedingungen geknüpft. Andere Individuen werden dieses Artefakt durch kulturelles Lernen übernehmen. Jedes Individuum gibt das Artefakt zum nächsten weiter. Wenn ein Individuum Anpassungen vornimmt, entsteht ein neues, modifiziertes Artefakt. Dabei kann man diese Modifikation nicht direkt als vorteilhaft oder nachteilhaft charakterisieren. Die Modifikation erfolgt auf Grund der Intentionen und Schlüsse des Individuums als seine eigene kreative Schöpfung.

 

DE_Wagenhebereffekt_1

 

Auf diese Art und Weise wird das Wissen Stück für Stück in der Gesellschaft weitergegeben. Die Anpassungen der Artefakte läuft dabei kumulativ, im Sinne von sich steigernd, ab (bei Tomasello als kumulative kulturelle Evolution beschrieben). Wichtig ist dabei, dass die eingangs erwähnten „Verschlechterungen“ ein inhärenter Teil dieses Ablaufs sind und nicht direkt als negativ angesehen werden. Jedes modifizierte Artefakt wird von dem jeweiligen Individuum ausgehend von seinem Hintergrund geschaffen und entspricht dessen Anforderungen. Die Nichtbeachtung von Randbedingungen, sei es bewusst oder unbewusst, die zu „schlechter“ modifizierten Artefakten führt, ist damit Teil dieses Prozesses.

 

Schlussfolgerungen

Kampfkünsten sind grundsätzlich als prozedurales Wissen (Wissen um Abläufe, nicht um Fakten) aufgebaut. Diese Art des Wissens ist in schriftlicher Form schwer weiterzugeben. Prozedurales Wissen muss erst in deklaratives Wissen umgeformt werden. Dieser Prozess ist schwer und langwierig. Das Wissen in den einzelnen verwendeten Fachgebieten muss stark ausgeprägt sein. Die damit verbundenen „Sprachbarrieren“ zwischen Anfänger und Experten sind das nächste Problem. Die Versuchung liegt dann nahe, die Weitergabe von Bewegungen nur auf reines „Vorzeigen“ mit einigen Erläuterungen zu beschränken. Es gibt in den Fachgebieten der Didaktik viele Lernmodelle und -theorien die sich mit nichts anderem als dieser Wissensvermittlung beschäftigen. Das hier vorgestellte Modell des Wagenhebereffekts soll vor allem dabei helfen, den Prozess einer schrittweisen Verbesserung oder Verschlechterung einer Bewegung zu verstehen. Unter dieser Verbesserung oder Verschlechterung soll eine schrittweise Annäherung oder Entfernung von den Anforderungen an Bewegungen verstanden werden (siehe Strategieausbildung in wechselnden Umgebungen). Die Anforderungen ergeben sich u.a. aus bewegungswissenschaftlichen oder psychologischen Aspekten.

Mit Hilfe diverser Arbeitstechniken können Bewegungen analysiert werden. Die Ergebnisse hängen davon ab, wie gut die Bewegung die gestellten Anforderungen erfüllen kann. Wenn die Anforderungen nur ungenügend erfüllt werden, gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine Möglichkeit ist eine ungenügende Definition des Artefakts und der Verlust von Informationen über Folgegenerationen. Die Frage die sich immer stellt, ist, wie muss die Originalbewegung ausgesehen haben, um diesen Satz an Anforderungen zu erfüllen. Mit der Anforderungsliste und dem verbliebenen „Rumpf“ der Bewegung, kann rückwärts eine Rekonstruktion der ursprünglichen Bewegung versucht werden. Es können sich dabei mehrere Lösungen ergeben. Für bestimmte Anforderungen kann sich überhaupt keine konstruktive Lösung ergeben. Für diese Möglichkeit müssen dann die Anforderungen auf Schlüssigkeit überprüft werden.

Als nächster Schritt muss überprüft werden, warum diese Veränderung stattgefunden hat. Die Prüfung des gemeinsamen Hintergrunds ist ein Ansatz. Die Prüfung, ob Emulationslernen stattfindet, ist der zweite Ansatz. Typische Beispiele für nicht weitergegebene Informationen sind bestimmte Kombinationen an Körperspannungen, um mit einer größeren Anzahl an nicht unterscheidbaren Varianten umgehen zu können. Andere typische Beispiele sind Verhaltensänderungen, die sich auf Merkmale gründen, die nicht verfügbar sind, weil kritische Wahrnehmungsgrenzen überschritten wurden.

Randbedingungen

Um den Prozess der Weitergabe von Artefakten über Generationen hinweg zu unterstützen, ergeben sich diverse Randbedingungen. Die Randbedingungen sind auf die Weitergabe von Kampfkunst-/ Kampfsportbewegungen ausgelegt. Die aufgeführten Bedingungen umfassen nur die aus dem Modell ableitbaren Randbedingungen. Es sollen Interpretationen verhindert oder verringert werden. Der Aufbau eines gemeinsamen Hintergrunds steht im Fokus. Wenn Anpassungen an Artefakten vorgenommen werden, dann mit einer sauberen, auch für Folgegenerationen nachvollziehbaren, Historie. Die Betonung liegt hierbei auf einer eindeutigen „Erlaubnis“ auf Anpassung. Die Liste lässt sich nicht in dieser Form abschließen und kann nur einen Abriss darstellen.

Bewegungsbeschreibung

Es muss eine möglichst umfassende Bewegungsbeschreibung vorliegen. Diese sollte bis auf die Ebene der Bewegungsrepräsentation reichen. Dieser Aufwand ist gerechtfertigt. Wenn nur oberflächliche Beschreibungen vorliegen, wird die Bewegung bereits in der Folgegeneration durch Interpretationen des Ablaufs angepasst. Der Sinn in dieser detaillierten Beschreibung liegt in der Vielfalt der Effekt bei der Überschreitung kritischer Wahrnehmungsgrenzen. Folgend eine nicht vollständige Liste:

  • Bewegungen und deren erzeugte Kräfte werden durch externe Kräfte überschrieben
  • Der Start der Bewegung liegt nicht ideal, sondern verzögert oder zu früh
  • Parallel ablaufende Bewegungen hemmen die eigentlich notwendige Bewegung

Diese Effekte sind dann in Kombination mit der Randbedingung Variantenbeschreibung zu dokumentieren.

Werkzeugbeschreibungen

Werkzeuge, seien es Waffen oder andere Gegenstände, müssen in Kombination mit der Bewegungsbeschreibung erfolgen. Isolierte Beschreibungen von „Waffenfähigkeiten“ lassen den Einsatz und die damit verbundenen Bedingungen vermissen.

Intentionsbeschreibungen

Die Intentionen müssen zusammen mit der Bewegung dokumentiert werden. Das eigenständige Erarbeiten (Emulationslernen) ist in dieser Form der Weitergabe nicht das direkte Ziel. Es können hierbei direkte, auf das sichtbare Bewegungsziel ausgerichtete, Intentionen dokumentiert werden oder indirekte Intentionen („hidden agenda“, allgemeine Ziele wie Stärkung oder Dehnung, Grenzerfahrungen, …).

Kontextbeschreibung

Die Beschriebung des Kontexts umfasst alle fassbaren Information, welche sich nicht direkt mit den Bewegungen beschäftigen. Grundlegend sollte möglichst jeder Punkt der die Bewegung beeinflussen kann in diesen Beschreibungen auftauchen. Dazu zählen unter anderem folgende Punkte:

  • Regeln oder deren Fehlen
  • Umweltbedingungen (Licht, Boden usw.)

Schnelle Kontextwechsel als Teil von Bewegungen sind separat als Punkt aufzuführen (bspw. Wechsel vertrauensvoller Umgang zu plötzlicher Aggression mit direktem Angriff).

Variantenbeschreibung

Einen weiteren großen Teil sollten Beschreibungen von Varianten einnehmen. Dabei ist zu unterscheiden zwischen zwei Gruppen von Varianten. Die erste Gruppe besteht aus Varianten, welche noch bei niedriger Ablaufgeschwindigkeit sauber differenziert und damit bearbeitet werden können. Wahrnehmungsgrenzen werden noch nicht überschritten. Die zweite Gruppe umfasst Bewegungen, bei denen die kritische Grenze der Ablaufgeschwindigkeit überschritten wird und nicht unterscheidbare, parallel gleichberechtigt ablaufende, Varianten entstehen.

Nachteile/ Grenzen

Dieser Teil wird selten bearbeitet. Das Wissen um Grenzen und Nachteile von Bewegungen zeugt immer von einem tieferen Verständnis. „Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein“ gilt auch für Bewegungen. Jede Definition in den oberen Randbedingungen enthält gleichzeitig die Abgrenzung von anderen Umständen. Die Grenzen offen weiterzugeben erlaubt Folgegenerationen an diesen Problemen weiterzuarbeiten. Der Kumulationseffekt wird andernfalls massiv gestört.

Abhängigkeitsbeschreibung

Jede Verhaltensänderung im Sinne einer Bewegungsanpassung muss durch äußere Merkmale (bspw. Angriff erkannt) oder innere Merkmale (bspw. Intentionswechsel) begründet werden. Ohne diese Merkmale findet keine Verhaltensänderung statt. Diese Abhängigkeiten nach außen oder innen müssen separat bearbeitet werden. Gerade deren Fehlen, sei es durch Nichtbeschreibung oder durch Überschreitung kritischer Wahrnehmungsgrenzen, lassen Bewegungen fehlschlagen oder sorgen für Fehlinterpretationen.

Didaktik

Zur Weitergabe von Bewegungen gehört auch die Erfahrung eben in dieser Weitergabe und die damit verbundenen Probleme. Andernfalls sind Folgegenerationen gezwungen immer wieder die gleichen Fehler zu begehen. Dieser Bereich ist aber zu vielschichtig und wird mit Hilfe von Lernmodellen und -theorien besser separat behandelt.

Der Artikel wurde am 14. Oktober 2013 unter der Kategorie Wissen (in Überarbeitung) veröffentlicht.