Ziele setzen

Hintergrund

Bewertung und Vergleichen

Das systematische Setzen von Zielen für Bewegungen ist eine Grundvoraussetzung für die Analyse und Synthese von Bewegungen. Ohne Ziele können keine Bewertungen vorgenommen werden. Nach welchen Kriterien sollte es erfolgen? Der Stempel einer „guten“ oder „schlechten“ Bewegung wird in Diskussionen allzu schnell vergeben. Nur was ist denn „gut“ und was ist „schlecht“? Dabei besteht kein Zwang zu endlosen Listen mit Zielen. Es genügt am Anfang einige wenige offensichtliche Ziele zu benennen und die gewählten Bewegungen danach zu untersuchen. Erst das Setzen von Zielen erlaubt dann in Folgeschritten den Vergleich bei mehreren möglichen Bewegungen. Erst mit Zielen lassen sich die weiteren Details der Bewegung ausarbeiten. Welche Details wären sonst zu wählen und hinzuzufügen? Woher soll man wissen, ob die Richtung der Entwicklung stimmt?

 

Trennung Mittel und Ziel

Die Trennung von Mitteln und Zielen ist bei Bewegungskonstruktionen unerlässlich. Die Hintergründe werden hier vorgestellt. Eine genaue Unterscheidung zwischen Mittel und Ziel ist aber sehr schwer. Gerade wenn man erst beginnt sich mit dem Setzen von Zielen auseinanderzusetzen, wird es schwerfallen eine Trennung vorzunehmen. Diese strikte Trennung ist aber nur bis zu einem gewissen Grad nötig. Vor allem bei gedanklichen Sackgassen, also einem Festhängen in der Bewegungskonstruktion ohne Lösungen, ist ein Zurückblicken auf die Ziele hilfreich. Die Ziele legen einen Rahmen fest. Wenn dieser Rahmen zu eng wird, muss man diesen verändern.

 

Bewegungskonstruktion ermöglichen

Zu stark einschränkende Ziele und deren Aufweitung sind ein erster Ansatzpunkt. Ein möglicher Gedankengang kann folgendermaßen sein. Muss es ein „Ich will nicht getroffen werden“ sein? Genügt nicht auch „Ich kann getroffen werden, solange ich handlungsfähig bleibe“? Für diese Art der Aufweitung und einem Erarbeiten von Alternativzielen bietet sich die „Wozu?“ Arbeitstechnik an. Bei dieser Arbeitstechnik versucht man Hintergründe von Mitteln und Zielen stärker zu beleuchten.

Der nächste Ansatz nutzt Funktionsäquivalente. Dabei wird versucht für bisher festgelegte Elemente der Bewegung Alternativen zu finden, welche auch die bisherigen Ziele erfüllen. Darüber hinaus sollen die neuen Elemente aber noch andere Vorteile bieten. Für diesen Ansatz sind auch wieder klar definierte Ziele nötig. Mit Hilfe von Funktionsäquivalenten wird die Bandbreite an Lösungen stärker hervorgehoben. Es gibt selten nur „die eine“ Lösung, sondern viele Möglichkeiten. Allerdings geben die Ziele einen Rahmen vor, welcher irgendwann die Lösungsmöglichkeiten auf eine sehr geringe Anzahl schrumpfen lässt.

 

Rekonstruktion

Verschiedene Effekte können zu Veränderungen von Bewegungen führen (siehe Wagenhebereffekt), wenn diese im Unterricht weitergegeben werden. Bei der Rekonstruktion von Bewegungen wird versucht die ursprünglichen Bewegungen und Bewegungsrepräsentationen wieder zusammenzustellen. Der Versuch der Zusammenstellung der ursprünglichen Ziele für eine Bewegung ist ein wichtiger Teil des Rekonstruktionsprozesses. Der durch Ziele gebildete Rahmen kann sich über Generationen verändert haben. Dabei ergeben sich dann zwangsläufig andere Überlegungen und Bewegungen. Schwierig wird es, wenn diese Betrachtungen nicht transparent erfolgen oder Randbedingungen als versteckte Annahmen mitgeführt werden.

 

Widersprüche finden

Ziele festlegen kann einfach sein. Schwerer wird es, wenn gesetzte Ziele in der ersten Betrachtung Widersprüche ergeben. Ein typisches Beispiele ist das Ziel „Treffer erzielen“ gegenüber dem Ziel „selbst nicht getroffen werden“. Beides sind einzeln betrachtet legitime Ziele, allerdings kann die Kombination einen Widerspruch ergeben. Um Treffer zu erzielen muss meist der Abstand zum Gegner verringert werden. Dieser geringe Abstand kann im Gegenzug vom Gegner genutzt werden, um seinerseits Treffer zu erzielen. Es ist gerade diese Widersprüchlichkeit und die damit verbundene Hin- und Hergerissenheit, welche die Zeit für Entscheidungen im Kampf stark erhöhen kann. Nicht immer haben Schüler ein Bewusstsein für diese Widersprüche. Deswegen sollten Widersprüche klar benannt werden, um sich systematisch damit auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung kann dann zu Kompromissen führen oder auch zu einem neuen Perspektive, welche den Widerspruch auflösen kann.

 

Richtige Mittel für „falsche“ Ziele

Die Formulierung „falsche“ Ziele ist überspitzt formuliert und soll auf einen sehr wichtigen Umstand hinweisen. Es gibt keine „falschen“ Ziele. Jedes mit anderen Beteiligten abgestimmte Ziel ist legitim. Worauf das „falsch“ hinweisen soll, ist der Umstand, dass Bewegungen mit unpassenden Zielen rationalisiert, sprich erklärt, werden. In Bewegungen der Kampfkünste steckt inhärent das über Generation weitergegebene Wissen in indirekter Form von Bewegungsdefinitionen. Zum Verständnis dieser Bewegungen, deren Pflege und Weiterentwicklung müssen die „wahren“ Ziele gesucht werden, welche zu der Auswahl der Bewegungselemente geführt haben. Bei der „Unterfütterung“ von Bewegungen mit falschen Zielen werden zwar oberflächlich Erklärungen geliefert, diese können tiefer gehenden Analysen aber nicht standhalten.

 

Durchführung

Erste Schritte

Beim Setzen von Zielen lohnt es sich nicht, von Anfang an sehr detailliert vorzugehen. Ich empfehle, bei jeder Bewegung mit einer kleinen Gruppe von Zielen zu starten und diesen Rahmen dann bei Bedarf zu verändern. Wem nicht direkt etwas einfällt, der kann sich hier eine kleine Liste ansehen und daraus bei Bedarf schöpfen. Eine Runde Brainstorming kann auch schnell zu einer ansehnlichen Liste führen.

 

Unterscheidung in Kategorien

Bei den Zielen kann es sich lohnen, diese in einzelne Kategorien einzuteilen. Dabei können sehr direkte Ziele (Blockieren, Durchsetzen, …) eher allgemeinen Zielen (keine Verletzungen, schnelles Ende, …) oder unterrichtspezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten gegenübergestellt werden. Diese Webseite ist vor allem der Kategorie von Bewegungsproblemen gewidmet. Aus den Bewegungsproblemen werden dann die spezifischen Ziele zur Lösung der Bewegungsprobleme gebildet (Umgang mit Informationsarmut, Automatisierung von Bewegung, …).

 

Hierarchie bilden

Selten können alle Ziele gleichberechtigt umgesetzt werden. Über eine Priorisierung werden die wichtigsten Ziele hervorgehoben. Wenn sich später dann Ziele widersprechen, werden die höher priorisierten Ziele bevorzugt umgesetzt.

 

Aufweitung von Zielsetzungen

Bei einer späteren Bewertung oder Bewegungskonstruktion kann es vorkommen, dass gesetzte Ziele zu eng definiert waren und damit nie erfüllt werden können. Meistens können Ziele abgeschwächt und erweitert werden. Es muss nicht immer „am schnellsten, am härtesten, …“ sein. Selten werden absolute oder sehr extreme Zielsetzungen benötigt. Meistens ist es besser relative Ziele zu setzen (schneller als, stärker als, …). Ein Nebeneffekt von Aufweitungen ist ihr Charakter, die Grenzen des Erreichbaren besser abzustecken. Statt in einem „nichts geht“, wird ein „bis hierhin und nicht weiter“ erkennbar.

 

Abgelehnte Ziele

Auch in einer Diskussion abgelehnte Ziele sollten kurz dokumentiert werden. Bei späteren Anpassungen der Ziele wird man sonst wieder über die gleichen Dinge diskutieren. Zusätzlich können abgelehnte Ziele zeigen, in welche Richtung sich eine Bewegung auf keinen Fall entwickeln soll.

 

Rückkehr zu Zielliste

Eine einmal festgelegte Zielliste bleibt selten in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Bei der Bewegungskonstruktion oder der Bewertung von Bewegungen zeigen sich immer wieder Widersprüche und gedankliche Sackgassen. Dann kommt man zurück auf die Zielliste und versucht über die Anpassung der Ziele mit den obigen Methoden eine Lösung zu finden.

 

Typische Fehler

Im folgenden Teil werden einige typische Fehler vorgestellt. Die Erkennung dieser Fehler und der gerichtete Umgang damit muss eine hohe Priorität haben. Andernfalls wird die Bewertung einer Bewegung allzu oft sehr positiv ausfallen, obwohl sich die Bewegung bei einer umfassenderen Analyse als nicht besonders gut herausstellt.

Starre Zielsetzung

Bei der Zusammenstellung von Zielen kommt es immer wieder zu einem Anpassungsprozess der Ziele im Zusammenspiel mit den Mitteln. Das bedeutet, dass Mittel und Ziele nie endgültig festgelegt sind. Sie werden nur auf einen Punkt hin (eine Art Ideal) hin entwickelt. Nach einer Weile bricht man diesen Prozess in gegenseitigen Einvernehmen ab, um sich anderen Bewegungen zu widmen. Bei einer starren Zielauswahl ist findet dieser Prozess nicht statt. Einmal gewählte Ziele bleiben in ihrer Form und Priorisierung starr erhalten.

Einseitige Zielauswahl

Bei der Auswahl der Ziele werden bestimmte Themenbereich und deren Ziele nicht beachtet. Dieses Ausklammern kann aus didaktischen Gründen erfolgen. Bei dem Anspruch einer umfassenden Bewegungsanalyse müssen diese Themenbereiche aber mit abgearbeitet werden. Ein Beispiel ist die Vernachlässigung von parallel ablaufenden Varianten in der Bewegungskonstruktion, wenn die Ablaufgeschwindigkeit zu hoch für die Wahrnehmung wird.

Alibi-Ziele

Die Ziele werden nur noch ausgewählt, um der Anforderung nach Zielen gerecht zu werden. Eine Auseinandersetzung mit den Zielen (siehe oben, starre Zielesetzung) findet nicht statt.

Ziele folgen Mitteln

Bei diesem Fehler werden Ziele in einer Art und Weise ausgewählt, um nachträglich die bereits gewählten Mittel zu begründen. Es findet wieder keine Auseinandersetzung mit den Zielen statt. Mit einem Bild ausgedrückt: Zuerst werden die Wände eines neuen Hauses gesetzt und dann macht man sich Gedanken über das Fundament.

Der Artikel wurde am 3. Oktober 2014 unter der Kategorie Methoden (in Überarbeitung) veröffentlicht.